Seit einem Jahr kommt es in Nigeria immer wieder zu blutigen Anschlägen durch die radikalislamistische Sekte Boko Haram. Ingeborg Grau, Afrikawissenschafterin, verfolgt seit vielen Jahren mit Anteilnahme die Ereignisse in Nigeria und nimmt dazu Stellung.
Die islamistische Sekte Boko Haram ist verantwortlich für den Terror in Nigeria. Wird hier Religion für andere Zwecke missbraucht? Ingeborg Grau: Führende, angesehene Leute, die dem Islam angehören, haben Boko Haram kritisiert und klargestellt, dass die Sekte nicht den Islam repräsentiert. Der Gouverneur Mu’azu Babangida Aliyu vom Niger State, einem Bundesstaat Nigerias, in dem ebenfalls Anschläge stattfanden, hat festgestellt, „der Islam ist eine Religion des Friedens, die Gewalt und Verbrechen in keiner Form unterstützt“. Er hat sich ganz klar von Boko Haram distanziert. Auch der Sultan von Sokoto, Muhammadu Sa’ad Abubakar III, ein sehr prominenter Vertreter des Islam, von vielen Muslimen und Musliminnen in Nigeria als spirituelles Oberhaupt angesehen, hat die Sekte als „antiislamisch“ und als „eine schlimme Herausforderung für den Islam“ bezeichnet. Die islamistische Sekte Boko Haram beruft sich zwar auf den Islam, es handelt sich aber offenbar um Terroristen
Es heißt, Boko Haram will einen muslimischen Gottesstaat errichten ... Ingeborg Grau: Ja, das war das ursprünglich deklarierte Ziel, einen muslimischen Staat zu errichten und die sogenannte „volle Scharia“, also das islamische Recht auch im Strafrecht, wie es bereits in elf nördlichen Bundesstaaten gilt, in ganz Nigeria einzuführen. In der Zwischenzeit scheint es aber ein Rundumschlag zu sein, der sich auch gegen Muslime richtet, die innerhalb dieses Staates operieren und die laut Boko Haram „unislamisches“ Verhalten an den Tag legen. Zum Teil wurden auch Muslimgelehrte angegriffen, die den Anhängern von Boko Haram als zu „liberal“ galten. In letzter Zeit waren vorwiegend Christen und christliche Kirchen Ziele der Anschläge durch Boko Haram. Die Anschläge in Kano vom 20. Jänner richteten sich allerdings vor allem gegen Polizei- und Regierungsstellen.
Es werden sozusagen westliche Einflüsse bekämpft ... Ingeborg Grau: Übersetzt steht „Boko“ für Wissen und Bildung im westlichen Sinne und „Haram“ für alles, das „unislamisch“ und in diesem Sinne „tabu“ ist. Das bedeutet, für die Sekte sind westliches Wissen und westliche Lehren verboten. Boko Haram kritisiert, der heutige Staat Nigeria sei als Nachfolgestaat des britischen Kolonialismus „unislamisch“.
Die Sekte hat unlängst den Christen ein Ultimatum gestellt, den überwiegend muslimischen Norden des Landes zu verlassen ... Ingeborg Grau: Nicht nur den Christen. Dieses Ultimatum haben sie allen gestellt, die im Norden nicht „heimisch“ sind. Das trifft nicht nur Christinnen und Christen. Infolgedessen kam es auch zu Massenfluchten in den Süden. Generell ist es in Nigeria so, dass ethnische Bevölkerungsgruppen, die in einem Bundesstaat leben, aus dem sie ursprünglich nicht stammen, als „Nicht-Indigene“ bezeichnet werden und immer wieder Diskriminierungen ausgesetzt sind. Das heißt jenen, die in einer Region in diesem Sinne „Fremde“ sind, werden gewisse Rechte verwehrt oder nur widerwillig zugestanden.
Seit wann gibt es die Sekte Boko Haram? Ingeborg Grau: Boko Haram wurde vor etwa zehn Jahren gegründet, allerdings kam es bis Anfang 2010 zu keinen Anschlägen. Zur Radikalisierung beigetragen hat möglicherweise unter anderem die Verhaftung des damaligen Anführers und Gründers von Boko Haram bei einer Polizeirazzia 2009 im Hauptquartier der Sekte in Maiduguri. Mohammed Yusuf – übrigens ein „westlich“ hochgebildeter Muslim – ist in weiterer Folge in Polizeigewahrsam verstorben. Die Anschläge haben sich zunächst aber kaum gegen Christen gerichtet; erst seit 2011 sind sie vermehrt ins Visier von Boko Haram geraten. Als planmäßige Christenverfolgung würde ich das aber nicht bezeichnen.
Der Erzbischof von Jos hat die derzeitige Lage in Nigeria als noch gefährlicher bezeichnet als zur Zeit des Bürgerkriegs. Wie schätzen Sie das ein? Ingeborg Grau: Es ist eine sehr kritische Situation. Aber ich glaube, es gibt Zeichen der Hoffnung. Freunde in Nigeria haben mir erzählt, dass da und dort muslimische und christliche Jugendliche gemeinsam in den bedrohten Gebieten den Schutz von Moscheen und christlichen Kirchen übernommen haben. Das sind einerseits junge Leute von der „Christian Association of Nigeria“ (CAN), einem Dachverband verschiedener christlicher Kirchen und Organisationen in Nigeria; andererseits sind es muslimische Jugendliche. Seite an Seite versuchen sie, die angespannte Lage zu entschärfen. Auch schützen Gruppen muslimischer Jugendlicher Messebesucher in der Hauptstadt des Niger State, Minna. Gegenüber der lokalen Zeitung „Leadership“ erklärten sie: „Wir schützen unsere christlichen Brüder und Schwestern, um den Menschen zu zeigen, dass Religion nicht dazu benützt werden kann, uns zu trennen.“ Der Erzbischof von Abuja, John Olurunfemi Onaiyekan, erklärte in einem Interview, dass nach den Anschlägen auf christliche Kirchen zu Weihnachten acht Imame zentraler Moscheen ihm persönlich kondoliert haben. Das sind Zeichen der Hoffnung auf Deeskalierung, Zeichen, die auf eine Isolierung dieser terroristischen Sekte hin orientiert sind.
Sie waren oft in Nigeria. Wie hat sich Ihrer Meinung nach das Land entwickelt? Ingeborg Grau: Ich kenne Nigeria seit 1973. Damals waren die Nachwirkungen des Biafrakrieges noch stark spürbar, der 1970 nach drei Jahren zu Ende gegangen war. Eine der schlimmsten Zeiten für die Menschen in Nigeria waren nach dem Krieg die Jahre der brutalen Militärdiktatur unter Sani Abacha von 1993 bis 1998. Ich weiß noch, es war so eine Bedrücktheit unter den Menschen, die für mich körperlich spürbar war. Ich persönlich habe mich in Nigeria aber immer sicher und beschützt gefühlt. Ich war immer gerne dort. Als nach vielen Jahren der Militärdiktatur mit Präsident Olusegun Obasanjo ab 1999 wieder eine Zivilregierung an die Macht kam – er war von 1976 bis 1979 schon Präsident einer Militärregierung – konnten die Menschen wirklich aufatmen. Jeder hat seine Unzufriedenheit mit der Regierung wieder offen äußern dürfen. Natürlich sind auch viele Unruhen ausgebrochen. Obasanjo hatte das damals mit einem Druckkochtopf verglichen – nimmt man den Deckel ab, kommt alles, was darunter brodelt, heraus. Ich denke trotzdem, seit der Demokratiebewegung 1999 hat sich in Nigeria vieles auch zum Besseren gewendet. Es ist zum Beispiel versucht worden die Lage im Niger-Delta zu entspannen; es ist versucht worden mehr an Infrastruktur für die Leute aufzubauen; es sind in manchen Bereichen, etwa bei der Exekutive, wieder Gehälter ausbezahlt worden. Das heißt nicht, dass sie von heute auf morgen genügend Geld hatten für ihre Familien, aber es hat etwas von dem Druck weggenommen. Natürlich schwelen ethnische, religiöse und machtpolitische Konflikte aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart und stellen für die Menschen noch immer eine große Bedrohung dar. Auch der Ölreichtum des Landes kommt nicht den Ärmsten zugute. Es bleibt noch viel zu tun. Dass jetzt die terroristische Gruppe Boko Haram durch ihre Berufung auf den Islam in Europa – auch in Österreich – bestehende antiislamische Gefühle schürt, schmerzt mich.
Zur Sache
Erneut Anschläge durch Boko Haram
In Nigeria sind bei neuen Anschlägen auf Polizeistationen und andere öffentliche Einrichtungen laut offiziellen Polizeiangaben 186 Menschen getötet worden. Auch in zwei christlichen Kirchen explodierten Sprengkörper. Verletzt wurde jedoch niemand. Wie nigerianische Medien berichten, bekannte sich die radikalislamistische Sekte Boko Haram am vergangenen Wochenende zu den Bombenanschlägen vom 20. Jänner in der Stadt Kano im Norden Nigerias. Die verantwortlichen Attentäter der Sekte Boko Haram hatten sich zum Teil als Polizisten verkleidet. Das sagte der katholische Bischof von Kano, John Namanze Niyiring, dem vatikanischen Pressedienst „Fides“. Zudem habe es sich bei einem großen Teil der Terroristen um Ausländer gehandelt, vor allem aus Niger und dem Tschad. Sie hätten Tarnuniformen getragen, die jenen der „Mobile Police Force“ geglichen hätten, so der Bischof. Als sich daraufhin einige Zivilisten an sie gewandt hätten, seien diese kaltblütig erschossen worden. Nigerias Präsident Jonathan Goodluck verurteilte die Anschläge und kündigte an, mit aller Härte des Gesetzes gegen die Verantwortlichen vorgehen zu wollen. Die Täter seien „Feinde“ der Demokratie. Nach Angaben der nigerianischen Zeitung „Daily Trust“ erklärte Boko Haram, die Angriffe seien eine Vergeltungsaktion für die Weigerung der Regierung, inhaftierte Mitglieder der Gruppe freizulassen. Mit rund 160 Millionen Einwohnern ist Nigeria das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Im Norden des Landes leben überwiegend Muslime, im Süden vor allem Christen. Insgesamt bekennen sich etwa 50 Prozent der Bevölkerung zum Islam und zwischen 45 und 48 Prozent zum Christentum.